Die Lust am Fremden herbeischreiben  E-Mail
Sonntag, den 17. August 2008 um 16:12 Uhr

Die Lust am Fremden herbeischreiben

(von Peter Zschunke; überarbeitete Fassung eines Beitrags für die "werkstatt" der Zeitschrift "message" 3/3007)

G-8-Gipfel 2007 in Heiligendamm: Die Welt schaut auf Deutschland. Aber die Öffentlichkeit in Deutschland blickt immer weniger auf die Welt. Seit 1989 ist das Interesse an Entwicklungen in anderen Ländern zurückgegangen. Neben dem Ende des Kalten Krieges hat wohl auch die veränderte Größe Deutschlands dazu beigetragen. In Luxemburg findet naturgemäß sehr viel mehr Auslandsberichterstattung statt als in den USA.

Ebenso nachvollziehbar ist, dass die USA eine größere Rolle in der Berichterstattung spielen als der kleine Nachbar. Zehn Prozent aller Auslandsberichte mit internationalem Bezug kommen aus den  USA, wie Dagmar Schmidt und Jürgen Wilke im deutschen Teil einer internationalen Studie ermittelt haben. Über andere Regionen wird hingegen abgesehen von einer „ereignisbedingten temporären Fokussierung“ so gut wie gar nicht berichtet - dazu gehören die afrikanischen Länder südlich der Sahara, aber auch Kanada oder europäische Länder wie Finnland.
  
Dabei gibt es immer Tage, an denen das Ausland einfach spannender ist als das gepflegte Sich-im-Kreis-Drehen der deutschen Innenpolitik. Am Tag nach der Kongresswahl in den USA, am 8. November 2006, hatten Inlandsnachrichten bei spiegel.de gerade mal schlappe 115.350 Page Impressions. Die Seiten mit den Auslandsberichten, allen voran die Nachrichten, Ergebnisse und Analysen zur Wahl in den USA, wurden hingegen 990.815 Mal aufgerufen – achteinhalb Mal so viel. Doch an einem mehr oder weniger durchschnittlichen Nachrichtentag wie dem 16. April 2007 wurden vier Mal so viel Inlandsseiten aufgerufen wie Seiten mit Auslandsberichten. Ein schon vorher „abgefeierter“ 80. Papst-Geburtstag oder ein Selbstmordanschlag in Afghanistan haben dann einfach weniger Zugkraft als die öffentliche Empörung über Äußerungen eines baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Deshalb gehe es darum,  Auslandsereignisse prägnanter zu präsentieren als die Konkurrenz, sagt der CvD von Spiegel Online, Wolfgang Büchner.

Um über das Ausland zu berichten, muss man nicht unbedingt vor Ort sein. Bei planbaren Ereignissen wie dem G-8-Gipfel bieten Internet und akademische Experten im Inland erste Anlaufstellen für die Recherche zu Hintergrundberichten, etwa über die Wirtschaftslage in den Ländern der Gipfelteilnehmer. Aber auch wenn eine „breaking news“ aus einem wenig bekannten Land in den Nachrichten-Alltag hineinplatzt, haben Redaktionen wie freie Journalisten eine Vielzahl von Möglichkeiten, um ad hoc den weißen Fleck auf der Weltkarte im Kopf mit farbigen Informationen zu füllen. Für tagesaktuelle Informationen sind die internationalen Nachrichtenagenturen wichtige Ansprechpartner, zur Hintergrund-Recherche werden deren oder andere Datenbanken angezapft.

Auslandsnachrichten zu schreiben, ist eine schwierigere Aufgabe als die Berichterstattung aus dem eigenen Land. Dies liegt nicht so sehr an der Komplexität der Materie, auch wenn diese mitunter schon bei Namen beginnt wie dem des turkmenischen Präsidenten Gurbanguly Berdymuchammedow. Der Grund liegt in der höheren Hürde für die Rezeptionsbereitschaft des Publikums. Eine Auslandsmeldung muss besonders sexy geschrieben sein. Die Nachricht zur Debatte über die Gesundheitsreform darf auch mal etwas langweiliger sein – schließlich hat sie ja möglicherweise direkte Auswirkungen auf den eigenen Geldbeutel.

„Ausland muss knallen“, sagte die WDR-Fernsehjournalistin Sonia Mikich im Mai 2002 auf den Tutzinger Medientagen und bejahte damit seufzend die der Konferenz als Thema gestellte Frage „Nur Krisen, Kriege, Katastrophen?“ Zu widerlegen wäre ihre verbittert klingende Analyse zur Nachfrageschwäche einer hintergründigeren Auslandsberichterstattung: „Den Anderen wird zunehmend ihr Anderssein übelgenommen – das ist die psychologische Wurzel von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.“

Um gezielt die Aufnahmebereitschaft für Fremdes zu unterstützen, sollen hier sechs Leitlinien der Auslandsberichterstattung vorgeschlagen werden.

−    Journalistische Informationen über das Ausland steigen mit einer gezielten Einordnung ein, damit die neue Information auch an geringe Vorkenntnisse angedockt und behutsam über bestehende Verständnishürden geführt werden kann. Dafür eignen sich zeitliche Anknüpfungspunkte an vergangene oder künftige Ereignisse ebenso wie Parallelen zur Erfahrungswelt im eigenen Land.

−    Wenig oder gar nicht bekannte Orts- und Personennamen werden zunächst ohne konkrete Nennung mit einer allgemeineren, erklärenden Bezeichnung eingeführt (z.B. „in einer Kleinstadt der süditalienischen Region Apulien statt „in Mattinata“).
 
−    Es werden gezielt besondere Details verwendet, die eingefahrene Rezeptionsmuster aufbrechen (und auch für den 1000. Selbstmordanschlag in Bagdad noch Interesse und Mitgefühl erzeugen).
 
−    Auslandsnachrichten benötigen reichlich Hintergrund. Aktuelle Anlässe wie eine Parlamentswahl werden als Möglichkeit genutzt, um Informationen zur Geschichte, Kultur, Wirtschaft und Lebensweise eines Landes zu vermitteln.

−    Auslandsnachrichten erfordern dokumentarische Ergänzungen wie eine Infobox zu einer wenig bekannten Organisation oder eine Chronik der Vorgeschichte. Sie werden mit Links zu weiterführenden Informationen im Internet ergänzt.

−    Auslandsberichterstatter bemühen sich um einen Verzicht auf Ethnozentrismus und klischeehafte Darstellung. Sie verstehen sich als Übersetzer zwischen verschiedenen Kulturen.

Die Zukunft der Auslandsberichterstattung liegt im Internet. Online gibt es keine Platzprobleme. „Ganz allgemein beobachten wir derzeit ein stark wachsendes Interesse an längeren Analysen und Features“, erklärt der Chefredakteur von focus.de, Jochen Wegner, auf die Frage nach dem Stellenwert der Auslandsberichterstattung. „Selbst mehrteilige Stücke über vier, fünf Seiten werden offensichtlich von mehr als einem Drittel der User zu Ende gelesen. Solche Quoten hatten früher nur Print-Texte.“

Allerdings findet auch online eine Segmentierung des Publikums statt. News-Portale, die ihren Erfolg allein in Page Impressions bewerten, folgen kurzfristigen Selektionsreflexen, die ihnen einen dauerhaften Erfolg verbauen können. Das FAZ-Feuilleton hat Online-Journalisten in einer Glosse einmal „die ultimative Schlagzeile“ vorgeschlagen, „um sämtliche Klick-Rekorde zu brechen: 'Geld sparen mit iPhone-Pornos von Britney Spears'.“ Die Online-Medien sind auf ihre Blockbuster angewiesen. Wenn aber der nicht kanalisierbare Nachrichtenstrom einmal ein Ereignis aus einem sonst wenig beachteten Land an die Quotenfront spült, werden diejenigen Medien im Vorteil sein, die zuvor schon kontinuierlich, hintergründig und interessant über diese Region berichtet haben.

(Peter Zschunke)

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Die Lust am Fremden herbeischreiben G-8-Gipfel 2007 in Heiligendamm: Die Welt schaut auf Deutschland. Aber die Öffentlichkeit in Deutschland blickt immer weniger auf die Welt. Seit 1989 ist das Interesse an Entwicklungen in anderen Ländern zurückgegangen. Neben dem Ende des Kalten Krieges hat wohl auch die veränderte Größe Deutschlands dazu beigetragen. In Luxemburg findet naturgemäß sehr viel mehr Auslandsberichterstattung statt als in den USA. Ebenso nachvollziehbar ist, dass die USA eine größere Rolle in der Berichterstattung spielen als der kleine Nachbar. Zehn Prozent aller Auslandsberichte mit internationalem Bezug kommen aus den USA, wie Dagmar Schmidt und Jürgen Wilke im deutschen Teil einer internationalen Studie ermittelt haben. Über andere Regionen wird hingegen abgesehen von einer „ereignisbedingten temporären Fokussierung“ so gut wie gar nicht berichtet - dazu gehören die afrikanischen Länder südlich der Sahara, aber auch Kanada oder europäische Länder wie Finnland. Dabei gibt es immer Tage, an denen das Ausland einfach spannender ist als das gepflegte Sich-imKreis-Drehen der deutschen Innenpolitik. Am Tag nach der Kongresswahl in den USA, am 8. November 2006, hatten Inlandsnachrichten bei spiegel.de gerade mal schlappe 115.350 Page Impressions. Die Seiten mit den Auslandsberichten, allen voran die Nachrichten, Ergebnisse und Analysen zur Wahl in den USA, wurden hingegen 990.815 Mal aufgerufen – achteinhalb Mal so viel. Doch an einem mehr oder weniger durchschnittlichen Nachrichtentag wie dem 16. April 2007 wurden vier Mal so viel Inlandsseiten aufgerufen wie Seiten mit Auslandsberichten. Ein schon vorher „abgefeierter“ 80. Papst-Geburtstag oder ein Selbstmordanschlag in Afghanistan haben dann einfach weniger Zugkraft als die öffentliche Empörung über Äußerungen eines badenwürttembergischen Ministerpräsidenten. Deshalb gehe es darum, Auslandsereignisse prägnanter zu präsentieren als die Konkurrenz, sagt der CvD von Spiegel Online, Wolfgang Büchner. Um über das Ausland zu berichten, muss man nicht unbedingt vor Ort sein. Bei planbaren Ereignissen wie dem G-8-Gipfel bieten Internet und akademische Experten im Inland erste Anlaufstellen für die Recherche zu Hintergrundberichten, etwa über die Wirtschaftslage in den Ländern der Gipfelteilnehmer. Aber auch wenn eine „breaking news“ aus einem wenig bekannten Land in den Nachrichten-Alltag hineinplatzt, haben Redaktionen wie freie Journalisten eine Vielzahl von Möglichkeiten, um ad hoc den weißen Fleck auf der Weltkarte im Kopf mit farbigen Informationen zu füllen. Für tagesaktuelle Informationen sind die internationalen Nachrichtenagenturen wichtige Ansprechpartner, zur Hintergrund-Recherche werden deren oder andere Datenbanken angezapft. Auslandsnachrichten zu schreiben, ist eine schwierigere Aufgabe als die Berichterstattung aus dem eigenen Land. Dies liegt nicht so sehr an der Komplexität der Materie, auch wenn diese mitunter schon bei Namen beginnt wie dem des turkmenischen Präsidenten Gurbanguly Berdymuchammedow. Der Grund liegt in der höheren Hürde für die Rezeptionsbereitschaft des Publikums. Eine Auslandsmeldung muss besonders sexy geschrieben sein. Die Nachricht zur Debatte über die Gesundheitsreform darf auch mal etwas langweiliger sein – schließlich hat sie ja möglicherweise direkte Auswirkungen auf den eigenen Geldbeutel. „Ausland muss knallen“, sagte die WDR-Fernsehjournalistin Sonia Mikich im Mai 2002 auf den Tutzinger Medientagen und bejahte damit seufzend die der Konferenz als Thema gestellte Frage „Nur Krisen, Kriege, Katastrophen?“ Zu widerlegen wäre ihre verbittert klingende Analyse zur Nachfrageschwäche einer hintergründigeren Auslandsberichterstattung: „Den Anderen wird zunehmend ihr Anderssein übelgenommen – das ist die psychologische Wurzel von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.“ Um gezielt die Aufnahmebereitschaft für Fremdes zu unterstützen, sollen hier sechs Leitlinien der Auslandsberichterstattung vorgeschlagen werden. − Journalistische Informationen über das Ausland steigen mit einer gezielten Einordnung ein, damit die neue Information auch an geringe Vorkenntnisse angedockt und behutsam über bestehende Verständnishürden geführt werden kann. Dafür eignen sich zeitliche Anknüpfungspunkte an vergangene oder künftige Ereignisse ebenso wie Parallelen zur Erfahrungswelt im eigenen Land. − Wenig oder gar nicht bekannte Orts- und Personennamen werden zunächst ohne konkrete Nennung mit einer allgemeineren, erklärenden Bezeichnung eingeführt (z.B. „in einer Kleinstadt der süditalienischen Region Apulien statt „in Mattinata“). Es werden gezielt besondere Details verwendet, die eingefahrene Rezeptionsmuster aufbrechen (und auch für den 1000. Selbstmordanschlag in Bagdad noch Interesse und Mitgefühl erzeugen). Auslandsnachrichten benötigen reichlich Hintergrund. Aktuelle Anlässe wie eine Parlamentswahl werden als Möglichkeit genutzt, um Informationen zur Geschichte, Kultur, Wirtschaft und Lebensweise eines Landes zu vermitteln. Auslandsnachrichten erfordern dokumentarische Ergänzungen wie eine Infobox zu einer wenig bekannten Organisation oder eine Chronik der Vorgeschichte. Sie werden mit Links zu weiterführenden Informationen im Internet ergänzt. Auslandsberichterstatter bemühen sich um einen Verzicht auf Ethnozentrismus und klischeehafte Darstellung. Sie verstehen sich als Übersetzer zwischen verschiedenen Kulturen. − − − − Die Zukunft der Auslandsberichterstattung liegt im Internet. Online gibt es keine Platzprobleme. „Ganz allgemein beobachten wir derzeit ein stark wachsendes Interesse an längeren Analysen und Features“, erklärt der Chefredakteur von focus.de, Jochen Wegner, auf die Frage nach dem Stellenwert der Auslandsberichterstattung. „Selbst mehrteilige Stücke über vier, fünf Seiten werden offensichtlich von mehr als einem Drittel der User zu Ende gelesen. Solche Quoten hatten früher nur Print-Texte.“ Allerdings findet auch online eine Segmentierung des Publikums statt. News-Portale, die ihren Erfolg allein in Page Impressions bewerten, folgen kurzfristigen Selektionsreflexen, die ihnen einen dauerhaften Erfolg verbauen können. Das FAZ-Feuilleton hat Online-Journalisten in einer Glosse einmal „die ultimative Schlagzeile“ vorgeschlagen, „um sämtliche Klick-Rekorde zu brechen: 'Geld sparen mit iPhone-Pornos von Britney Spears'.“ Die Online-Medien sind auf ihre Blockbuster angewiesen. Wenn aber der nicht kanalisierbare Nachrichtenstrom einmal ein Ereignis aus einem sonst wenig beachteten Land an die Quotenfront spült, werden diejenigen Medien im Vorteil sein, die zuvor schon kontinuierlich, hintergründig und interessant über diese Region berichtet haben. (Peter Zschunke)
 

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