| Uhrwerk Erinnerung |
| Donnerstag, den 26. Oktober 2000 um 19:20 Uhr |
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von Thomas Schiller (mit freundlicher Genehmigung des Verfassers, zuerst erschienen in Schäfer/Schiller/Schütte (Hg.): Journalismus in Theorie und Praxis. Konstanz: UVK 1999) Agenturjournalismus ist mehr als nur die Jagd nach der topaktuellen Geschichte. Der Mythos des Mediums der chronischen Hektik wird zwar sorgfältig gepflegt - nicht zuletzt von Agenturjournalisten selbst. "Nachrichtenschreiben im Sekundentakt" hat Peter Zschunke, Redakteur bei Associated Press (AP), sein Lehrbuch über Agenturjournalismus untertitelt. Die schnelle Nachricht, wenn nötig per "Vorrang", "Eil" oder gar "Blitz", ist und bleibt natürlich das Kerngeschäft der Agentur: Auftaktmeldung, Überblick, Zusammenfassung, Korrespondenten-Bericht. Zu dieser Standard-Berichterstattung kommt aber immer häufiger Hintergrund-Stücke und Analysen, um das Tagesgeschehen einzuordnen und zu erklären. Neben dem Aktuellen haben dabei Zeitgeschichte und Historie ihre festen Plätze in der Produktion, die beim Marktführer Deutsche Presse-Agentur (dpa) werktäglich einen Umfang von insgesamt rund 600 000 Wörtern erreicht. Das Maß für die zeitgeschichtlichen Themen ist nicht die Stoppuhr, sondern der Kalender. Die Palette geht quer durch alle Agenturressorts, von der Politik, der Kultur und der Wirtschaft zum "Vermischten", dem die Medien immer mehr Platz einräumen. Besonders zu Jahrestagen hat das Erinnern Konjunktur, und natürlich auch zu Geburtstagen im engeren und weiteren Sinne - sei es der 250. des Grafen Mirabeau, der 70. des Schriftstellers Günter Kunert oder der 40. der Barbie-Puppe. Das 100. Jubiläum von Emile Zolas Streitschrift "J'accuse..." wird ebenso gewürdigt wie die nunmehr 50jährige Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und das Ende des sowjetischen Afghanistan-Krieges vor zehn Jahren. Vor allem die Regionalpresse deckt ihren Bedarf gern aus dem "Ticker" - das Synonym für den pausenlos ratternden Agentur-Drucker hat überlebt, auch wenn die Fernschreiber längst selbst Geschichte geworden sind und Nachrichten per Satellit direkt in die Redaktionssysteme eingespeist werden. Die Geschichts-Storys gehen nach Möglichkeit in den nachrichtenarmen Nachtstunden "auf den Draht" (noch so ein Anachronismus) - möglichst eine Woche vor dem Termin. Denn Zeitungen und auch Rundfunkanstalten wollen Themen jenseits der Tagesaktualität in Ruhe planen können. Das heißt natürlich nicht, daß die Texte zeitlos geschoben werden können - schließlich ist ein Jahrestag per se ein Termin. Daher steht der deutliche Hinweis auf das Verfallsdatum über dem Text, sogar noch eine Zeile über dem Titel. Ob und in welchem Umfang Redaktionen allerdings auf das Agentur-Angebot zurückgreifen, ist gerade bei historischen Themen oft kaum absehbar. Denn im Gegensatz zum Zeitungsredakteur hat ein Agenturjournalist letztendlich keinen Einfluß darauf, daß seine Geschichte auch veröffentlicht wird. Das Risiko, trotz großen Aufwandes für den Papierkorb zu arbeiten, bleibt bis zum Schluß. Der Einsatz lohnt sich aber, wenn man - manchmal nach Monaten - Abdrucke aus Zeitungen erhält, von deren Existenz man bis dato gar nichts wußte. Wer hätte gedacht, daß sich das "Diario de Centro America" für den deutschen Gedenkstätten-Streit um V-2-Raketen interessiert und so in Guatemala die Geschichte - in Übersetzung des spanischen dpa-Dienstes - als Seite-drei-Thema gedruckt wird? Auch die internationalen Agenturkunden in den Reformstaaten Mittel- und Osteuropas haben großen Bedarf an zeitgeschichtlichen Texten, denn zum Jubiläum können dort die Medien solche Themen nachholen, die zum eigentlichen Ereignis den Zensoren ein Dorn im Auge waren: die Pariser Mai-Revolten nach 30 Jahren oder Umweltthemen wie eine kritische Berichterstattung zum Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe. Wenn eine Story gut läuft, erreicht der Agenturjournalist mit Geschichte für den Alltag Millionen von Menschen - manch ein Ordinarius für Alltagsgeschichte hat zeitlebens nicht so viele Leser. Doch der Vergleich ist wissenschaftlich unzulässig, denn in den seltensten Fällen ist der Verfasser eines historischen Agenturtextes auch ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet. Meist schreiben Redakteure und Korrespondenten die Stücke, wenn sie im Alltagsgeschäft etwas Luft haben. Im günstigsten Fall haben diese Generalisten die Zeit, vorher einige Texte zum Thema zu lesen - in den seltensten Fällen aber ist das die einschlägige Fachliteratur. Und bei einem Längen-Limit von allerhöchstens 70 Zeilen (die etwa so lang wie eine Schreibmaschinenzeile sind) ist ohnehin keine tiefschürfende Differenzierung möglich. Doch die Qualität eines Agenturtextes ist ohnehin nur einer von vielen Faktoren für seinen Erfolg oder Mißerfolg. Entscheidender für den Abdruck sind häufig andere Fragen: Drängt gerade zu diesem Stichtag Tagesaktuelles die Zeitgeschichte aus dem Blatt? Oder herrscht Themen-Flaute? Ist ein Jahrestag ein Pflichttermin oder eigentlich doch verzichtbar? Löst sich sogar eine lang geplante Jubiläumsveranstaltung in Wohlgefallen auf - womit auch das Medieninteresse schwindet? Ein Beispiel: Da plant das dpa-Büro Paris langfristig eine umfangreiche Hintergrund-Berichterstattung zum 80. Jahrestag der Beendigung des Ersten Weltkrieges. Schließlich ist der deutsche Bundeskanzler zur Feierstunde eingeladen. Eingedenk der zur deutsch-französischen Ikone gewordenen Versöhnungsgeste des Kanzlers Kohl mit dem französischen Präsidenten Mitterrand über den Gräbern von Verdun will man für das nächste Medienereignis gewappnet sein. Ein "Themenpaket" wird geschnürt - so heißt im Agenturangebot die Maximal-Variante mit verschiedenen Einzelbeiträgen: Das Archiv stellt die Chronologie von 1914 bis 1918 zusammen, der Korrespondent reduziert die Komplexität der vier Kriegsjahre auf 70 Zeilen, dazu gibt es eine Reportage von den Schlachtfeldern an der Somme anno 1998 - mit Bildern und Grafiken wäre das eine Sonderseite par excellence - denn das "imaginäre Layout" wird bei der Planung am Agentur-Desk mitbedacht. Doch dann kommt die Bundestagswahl dazwischen - und alles anders: Der Historiker Kohl wird vernichtend geschlagen vom Rechtsanwalt Schröder, und dem liegt Geschichte nicht so am Herzen. Er sagt einfach ab. Keine Zeremonie, kein Medienereignis, kein flächendeckender Abdruck vom "Flensburger Tageblatt" bis zur "Allgäuer Zeitung". Der "journalistische Einzelhandel" hat den Großhändler dpa auf seiner historischen Ware sitzenlassen. Nur Aktuelles ist stark gefragt, als sich am 11. November die Franzosen an ihrem Staatsfeiertag "Armistice" ("Waffenstillstand") über die Absage aus Bonn ärgern. Durchläufer heißt ein solch erfolgreiches Stück dann am Tag darauf im dpa-Protokoll, das an alle Redaktionen geht. Wird Geschichte zur Tagespolitik, laufen Themen plötzlich - beim Ersten Weltkrieg ist das nicht anders als beispielsweise beim Streit um die Entschädigung von Zwangsarbeitern: Fällt - wie in der Wolfsburger Volkswagen-Zentrale - eine aktuelle Grundsatz-Entscheidung, wird ein Thema erst wirklich eines. Dann muß alles schnell gehen. Anruf aus der Zentrale: "Du hast da doch mal was geschrieben..." Und auf einmal hat es sich doch gelohnt, die Problematik drei Jahre zuvor bereits agenturgerecht aufgearbeitet zu haben. Im Archiv sind die Texte noch abrufbar, die 1995 in der Materialflut zum 50. Jahrestag des Kriegsendes untergegangen waren. Ein später Trost. Das Wort Archiv allerdings beschreibt nur unzureichend die Arbeit der zentralen dpa-Abteilung, die den Zugriff auf das gespeicherte Wissen der Agentur sicherstellt. Sie heißt Dokumentation und umfaßt neben dem klassischen Archiv - viergeteilt nach jeweils in- und ausländischen Personen und Sachgebieten - die Datenbank mit elektronisch gespeicherten dpa-Texten und auch eine eigene Redaktion. Dort entstehen beispielsweise Chronologien und Kurzdokumentationen, die permanent aktualisiert werden: Allein Flugzeugabstürze liegen in 65 Varianten vor, eingeteilt nach Maschinentypen, Ländern, Ursachen. Diese knappen Fakten-Texte landen bei den Zeitungen meist neben der aktuellen Berichterstattung in Hintergrund-Kästen. Kein Blatt macht sich die Mühe, solche Statistiken selbst à jour zu halten. Die Redakteurinnen und Redakteure aus der Dokumentation liefern aber nicht nur Material zum Abdruck oder zur Sendung, sondern sie erstellen auch wichtige Planungshilfen für das eigene Haus sowie für die Kundenredaktionen von Zeitungen und Sendern. Keinem Leser oder Radiohörer kommen diese Service-Produkte direkt zu Gesicht oder Gehör, aber er findet sie in Auszügen als "Historisches Kalenderblatt" morgens in der Zeitung, oder sein Rundfunksender hat ein "Zeitzeichen" daraus gemacht. Die Grundlage dafür bietet der monatliche "dpa-Gedenktagekalender", der mehrere Wochen vorher an seine Bezieher versandt wird. Auch wenn man es nicht auf den ersten Blick sieht: In den DIN-A-4-Blättern steckt sehr viel Arbeit. Die Frage, was erinnerungswürdig ist, muß für jede Ausgabe neu entschieden werden - Termin für Termin. "Dabei gelten journalistische Kriterien", erläutert Albrecht Nürnberger, der Chef der dpa-Dokumentation. Sensationelle Ereignisse wie der Mauerfall, der EU-Gipfel zur Euro-Einführung oder der Tod von Prinzessin Diana sind bereits nach einem Jahr ein Gedenktag. Ansonsten aber gelten aber die üblichen Fünfer-, Zehner-, 25er-Schritte bei Jubiläen und Geburtstagen. Wer es einmal geschafft hat, in den Kalender hineinzukommen, hat aber noch lange nicht seinen Dauerplatz als "Unsterblicher" sicher. Der deutsche Diplomat, der 80 wird und auf dem Gipfel seiner Karriere gerade für zwei Jahre Botschafter auf dem Balkan war, fliegt raus, weil ihn kaum noch jemand kennt. Dagegen ist der Landespolitiker, der sich zwei Legislaturperioden lang als Minister halten konnte, zum nächsten runden Geburtstag wieder dabei. Denn für die Heimatzeitungen in seinem Sprengel bleibt er eine Größe, auch wenn deren Redaktionen das Jubiläum vielleicht vergessen. Kundendienst der Agentur. Die Festtage der großen Prominenz werden aber nicht nur knapp im Gedenktagekalender notiert, sondern sind ein Porträt im aktuellen Dienst wert. Wenn der Fernsehmann Lothar Loewe 70 wird oder Altkanzlergattin Loki Schmidt 80, muß der zuständige Korrespondent ran. Er schafft damit - zumindest zeitweilig - bleibende Werte für das Personenarchiv. Mancher 90. Geburtstag ist umso besser geschrieben, wenn er sich mit wenigen Kunstgriffen zum Nachruf umredigieren läßt. Was für Außenstehende anstößig wirkt, gehört im Mediengeschäft zum nüchternen Alltag. Denn dort herrscht Konkurrenz. Auch nach der "letzten Stunde" bleibt Zeit ein wesentlicher Faktor. Gerade, wenn am späten Abend oder am Wochenende gestorben wird, warten die Zeitungen nicht auf die schönste Würdigung, sondern auf die schnellste. Die nüchterne Kalkulation führt dazu, daß für die kleine Gruppe der wirklich Wichtigen sogar weitergehende Vorbereitungen für das mögliche Ableben getroffen werden, schon wenn sie sich noch bester Gesundheit erfreuen. Ihr Nachruf wird regelmäßig auf dem neuesten Stand gehalten. "Leichenspeicher" heißt das elektronische Archiv im Kollegenjargon in der dpa-Zentrale am Hamburger Mittelweg. In früheren Zeiten vor der Einführung des elektronischen Redaktionssystems war man weniger direkt, aber nicht minder makaber: Papiermanuskripte erhielten einen Stempelaufdruck "Kühlschrank" . Pflichtkandidaten sind (Ex-) Bundespräsidenten, Kanzler und Minister, die höchsten Richter sowie Gewerkschafts- und Arbeitgeberchefs. Große Wirtschaftsbosse und Prominente aus Kultur und Show gehören inzwischen auch dazu. Bei Skrupeln und Gedanken über das Wechselverhältnis von Pietät und Professionalität tröstet die Gewißheit: Ob Fernsehen, Rundfunk oder Agenturen - so machen es alle. Absolute Personen der Zeitgeschichte müssen mit ihrer medialen Posthum-Vita leben. Schließlich adelt ja der allzeit sendefertige dpa-Nachruf wesentlich mehr als bloß ein Eintrag neben Hinz und Kunz im "Who is who". Doch egal, ob Papst, US-Präsident oder Bundeskanzler: Für alle gilt ohne Gnade die Längenvorgabe von rund 60 Zeilen. Da muß mit jedem Wort gegeizt werden. Es gelten die klassischen Agentur-Regeln: verständlich schreiben, von hinten weg kürzbar, und natürlich muß das Wichtigste im ersten Satz stehen. Da verbietet sich ein sorgfältig gewählter, streng chronologischer Einstieg in die Biographie wie: "Die Schwangerschaft verlief normal." So etwas bleibt wahren Geschichtsschreibern vorbehalten. |






