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Quorren statt murksen E-Mail
Sonntag, den 14. Februar 2010 um 16:53 Uhr

Der Twitter-Ticker zum Thema #nachrichtenagenturen ist auch heute wieder für einige Aufregung gut - ein News-Fälscher bei dpa, ein Bericht über die Kündigung von ddp-Diensten beim Axel-Springer-Verlag. Da hat ein Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über eine Neuübersetzung von Tolstois "Anna Karenina" auf den ersten Blick nichts mit Agenturjournalismus zu tun. Es lenkt aber den Blick wohltuend auf das, worum es im schreibenden Journalismus letztlich geht: sprachliche Mittel so einzusetzen, dass Inhalte ebenso verständlich wie sachgerecht vermittelt werden.

Ja, ihre Arbeit habe etwas Detektivisches, erklärt die Übersetzerin Rosemarie Tietze im Gespräch mit FAZ-Interviewerin Johanna Adorján. "Ich habe die Nase ganz nah am Text, viel näher als ein Literaturwissenschaftler." So habe sie bei der Arbeit an Tolstois Roman interessante Dinge entdeckt, die bisher übersehen worden seien. Die Beispiele, die Tietze aufführt, machen deutlich, dass es sich lohnt, selbst einen einzelnen Begriff in intensiver Recherche unter die Lupe zu nehmen.

Tietze erklärt, dass bisherige Übersetzungen von "Anna Karenina" ziemlich schluderig mit Tolstois Angabe umgegangen seien, an welchem Ort die Leiche der tragischen Hauptfigur gefunden wurde. Wörtlich übersetzt lässt Tolstoi Wronski sagen: "in der Kaserne der Bahnstation". Weil dies keinen rechten Sinn ergibt, forschte Tietze nach und fand heraus, dass "Казарма" (Kasarma) nicht nur Kaserne bedeuten kann, sondern im 19. Jahrhundert auch in der Bedeutung von "Arbeiterwohnheim" gebraucht wurde. In der bei Hanser erschienenen Neuübersetzung heißt es nun "Arbeiterbaracke", was im Zusammenhang mit anderen Stellen des Romans eine ganz neue Bedeutung ergibt.

Als weiteres Beispiel führt die Übersetzerin an, wie sie den fachlich richtigen Begriff für die Lautäußerung von Schnepfen herausgefunden hat. Nach einer Recherche in "Brehms Tierleben" habe sie sich zuerst für "murksen" entschieden. Dann aber habe sie nach langer Suche "einen Jäger gefunden, der einen Bezug zur Sprache hat". Dieser habe ihr erklärt, dass Schnepfen nicht "murksen", sondern "quorren". Für Tietze schloss sich damit der Kreis zum russischen Original, wo es "хоркать" (chorkat) heißt - "genau derselbe lautmalerische Ursprung ... das ist eine Freude, wenn man so etwas findet, wunderbar".

Na gut, Rosemarie Tietze hat für die Übersetzung der 1.284 Seiten mehr als zwei Jahre Zeit gehabt. Agenturmeldungen sollten schon etwas schneller geschrieben werden. Der detektivische Blick auf die eigenen sprachlichen Mittel ist aber eine Haltung, die zum Repertoire der Qualitätssicherung im Agenturjournalismus gehört. Und Qualität ist ja auch das eigentliche Thema der heutigen News über dpa und ddp.

 

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