Nachrichtenagenturen - ein Überblick  E-Mail
Montag, den 04. Juni 2001 um 19:02 Uhr
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(überarbeitete Fassung von Peter Zschunke: Nachrichtenagenturen.
In: Lexikon der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Oldenbourg-Verlag, 2001)

 
Nachrichtenagenturen haben eine Schlüsselfunktion für alle Massenmedien und sind der wohl wichtigste Verteiler für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Als Dienstleister versorgen sie Redaktionen mit aktuellen Nachrichten aller Art - Nachricht verstanden als möglichst objektive Darstellung eines aktuellen Ereignisses, die alle wesentlichen Informationen in knapper Form an die Öffentlichkeit bringt.
Nachrichtenagenturen werden manchmal auch als Nachrichten-Großhändler bezeichnet: Sie sind Unternehmen, die Informationen über aktuelle Ereignisse sammeln und in Text, Bild oder Ton kontinuierlich an feste Bezieher weiterleiten. Neben der fort-laufenden Belieferung mit aktuellen Texten und Bildern ermög-lichen Nachrichtenagenturen auch den Zugriff auf ihr elektro-nisches Text- oder Bildarchiv. Die Online-Recherche in den Datenbanken der Agenturen steht zum Teil auch Interessenten offen, die keine Agenturkunden sind.

Die Quellen von Nachrichtenagenturen sind die direkte Beobach-tung, Mitteilungen von Informanten - sei es in Form organisier-ter Pressekonferenzen, schriftlicher Pressemitteilungen oder Antworten auf Anfragen - und andere Massenmedien. Neben Presse und Rundfunk gehören auch Unternehmen, Behörden, Parteien, Gewerkschaften und andere Organisationen zu den Agenturkunden. Ohne zwischengeschaltete Medien finden Agenturnachrichten im Internet auch den direkten Weg zu interessierten Rezipienten. Hier fließen sie als aktuelle Informationen in Web-Angebote wie T-Online oder Yahoo ein.

Nachrichtenagenturen haben eine öffentliche Aufgabe; ihre Angebote unterliegen bestimmten Qualitätsanforderungen wie Richtigkeit, Objektivität, Relevanz, Schnelligkeit und Verständlichkeit. Eine Sonderrolle erfüllen Tochtergesellschaf-ten von Nachrichtenagenturen wie der Original-Text-Service (ots) der Deutschen Presse-Agentur (dpa), die den reinen Trans-port von von unveränderten Pressemitteilungen - also unabhängig von journalistischen Qualitätskriterien und ohne jede Bearbei-tung - an die angeschlossenen Redaktionen anbieten.

Entstanden sind die Nachrichtenagenturen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Als älteste Nachrichtenagentur entstand 1835 die Agence Havas, Vorläuferin der Agence France Press (AFP), aus einem Zusammenschluß kleinerer Nachrichten- und Übersetzungs-büros. Die Zeitungen nahmen ihre Dienste in Anspruch, weil sie einerseits zwar eine möglichst umfassende Berichterstattung aus aller Welt bieten wollten, andererseits aber nur begrenzt eige-ne Korrespondenten entsenden konnten.

Um Zeitungen unterschiedlicher Richtungen als Kunden zu gewin-nen, entwickelten Nachrichtenagenturen den Grundsatz der mög-lichst neutralen Berichterstattung - ihr Ideal weitgehender Objektivität gründet also letztlich in einem kommerziellen Interesse.

Der Inhalt eines Agenturdienstes wird von der Rechtsform des Unternehmens und seiner wirtschaftlichen Stellung beeinflußt. Nachrichtenagenturen gibt es als Privatunternehmen, genossen-schaftliche Zusammenschlüsse von Medienbetrieben und als Staatsunternehmen. Auch Zwischenformen sind möglich wie bei der französischen AFP mit der Organisation einer öffentlich-recht-lichen Körperschaft bei privatwirtschaftlicher Ausrichtung des Managements. Eine weite Verbreitung hat das Modell der genossenschaftlichen Trägerschaft gefunden, zuerst bei Associated Press (AP) als Gemeinschaftseinrichtung von Zeitun-gen und Rundfunksendern in den USA, später auch bei der japan-ischen Kyodo, der dpa, der Austria Presse Agentur (APA), der Schweizerischen Depeschen-Agentur (SDA), der italienischen Agenzia Nazionale Stampa Associata (ANSA) und anderen. Die wirtschaftlichen Erträge dieser derart organisierten Agenturen werden in der Regel nicht ausgeschüttet, sondern in die technischen und personellen Kapazitäten reinvestiert.

Die auf Ertragsmaximierung angelegten Privatagenturen haben ihren Schwerpunkt zumeist nicht im Medienbereich, sondern in der lukrativen Belieferung von Finanzunternehmen mit aktuellen Wirtschaftsdaten. Bei der Reuters Holding PLC, der weltweit umsatzstärksten Nachrichtenagentur, stammen weniger als zehn Prozent der Einnahmen von Medienkunden. Zu den Reuter-Gesellschaftern gehören aber zwei genossenschaftlich organi-sierte Agenturen: die britische Inlandsnachrichtenagentur Press Association (PA) und die Australian Associated Press (AAP). Auch Finanzinformationsdienste wie die Vereinigten Wirtschafts-dienste (VWD), AP-Dow Jones, Knight-Ridder oder Bloomberg zäh-len einzelne Medienunternehmen zu ihren Eigentümern.


 

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