dapd kommentiert
- Details
- Erstellt am Dienstag, 12. Oktober 2010 17:36
- Zugriffe: 546
Es waren kommerzielle Gründe, die im 19. Jahrhundert das journalistische Prinzip Objektivität begünstigt haben: Die frühen Nachrichtenagenturen wollten alle Zeitungen mit aktuellen Informationen beliefern, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung. Heute führt die Nachrichtenagentur dapd kommerzielle Gründe an, um den Start eines eigenen "Kommentardienstes" zu begründen. Das Unternehmen komme "damit den Wünschen vieler Medienhäuser, TV-Stationen und Online-Anbieter nach", hieß es Ende September in einer Pressemitteilung. Das Angebot richte sich vor allem an kleinere Regionalzeitungen.
Jetzt hat der im September neu gestartete dapd-Dienst tatsächlich mit der Verbreitung von Kommentaren begonnen - täglich mindestens zwei Texte von Sonntag bis Freitag. Damit wird ein Einschnitt im Agenturjournalismus nach bisherigem Verständnis markiert. "Das einzig Positive an Seehofers Vorstoß sind die klaren Reaktionen" - so beginnt laut Beziehern des dapd-Dienstes der erste Kommentar, der am Montag im dapd-Newsplaner verbreitet wurde - ohne Namen, aber mit Foto des Kommentators.
Die möglichst nüchterne, möglichst meinungsfreie Nachricht ist Voraussetzung für die Meinungsbildung. Darüber hinaus stellen Nachrichtenagenturen bestimmte Sachverhalte in namentlich gekennzeichneten Korrespondentenartikeln in einen größeren Zusammenhang, zeitlich, kausal und durchaus auch kritisch einordnend. Wenn der Nachrichtendienst von echten Meinungsbeiträgen begleitet wird, wirft dies etliche Fragen auf, nach der Unabhängigkeit der täglichen Nachrichtenauswahl wie nach dem Bemühen um Objektivität im einzelnen Nachrichtenbeitrag. Zu solchen Bedenken erklärt dapd-Chefredakteur und -Geschäftsführer Cord Dreyer laut Pressemitteilung: "Selbstverständlich wird die Objektivität der klassischen Agenturstücke nicht leiden, weil die journalistischen Formate streng voneinander getrennt werden, ganz wie bei den klassischen Medien.”
Objektivität ist keine absolute Größe, und der Blogger Richard Gutjahr hat Recht, wenn er sagt: "Objektivität gibt es nicht." Aber es gibt mehr oder weniger objektivitätsorientierten Nachrichtenjournalismus, der als Zielgröße immer wieder neu zu erarbeiten ist - in vielfältigen redaktionellen Prozessen, die im Newsroom besonders lebendig gestaltet werden können. Bislang gehören die Ergebnisse dieses agenturspezifischen Workflows vom Reporter vor Ort bis zur professionellen Qualitätskontrolle am Newsdesk zu den Alleinstellungsmerkmalen von Nachrichtenagenturen, in der Medienlandschaft wie im Netz. Nachrichtenagenturen sind entweder anders - oder irgendwann einmal nicht mehr nötig.