| Nachrichten statt Junk-News |
| Dienstag, den 14. Dezember 1999 um 19:26 Uhr |
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von Peter Zschunke (aus: journalist, Dezember 1999, Beilage) Nachrichtenagenturen nehmen in der Medienlandschaft eine zentrale Stellung ein. Eingelöst wird der hohe Anspruch aber nur dann, wenn Inhalte und Auswahl der Tickerdienste stimmen. Es war wie eine Befreiung von lange aufgestautem Groll. "Unverschämtheit!" schleuderte jemand den Vertretern der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen entgegen, die am 10. Juni in Darmstadt ihre Umsetzung der Rechtschreibreform erläutern wollten. Die Teilnehmer des Seminars beim Zeitungstechnikverband ifra, zumeist Chefs vom Dienst bei Tageszeitungen, empfanden es als Anmaßung, dass die Agenturen sieben Wochen vor dem Stichtag 1. August noch einmal ihre Leitlinien für die neuen Schreibweisen in einem Punkt ändern wollten. Der Aufstand hatte Erfolg: Albrecht Nürnberger, Moderator der Agenturen-Arbeitsgruppe und Leiter der dpa-Dokumentation, zog sich mit den Vertretern der anderen sechs Agenturen zu einer Auszeit zurück. Sie verzichteten auf die geplante Präzisierung, um die in den Zeitungsverlagen bereits getroffenen Vorbereitungen auf die Reform nicht zu stören. Die Episode wirft ein Schlaglicht auf die nicht immer einfache Beziehung zwischen News-Anbietern und ihren Kunden. Sie selbst machen es sich zwar selten bewusst, doch in der Medienlandschaft nehmen die Nachrichtenagenturen eine zentrale Stellung ein. Wenn dpa, AP, Reuters, AFP, ddpADN, epd und KNA die von den Rechtschreibreformern offen gelassenen Wahlmöglichkeiten verschieden ausgelegt hätten, wäre das Chaos in den Redaktionen gross gewesen. Um ihren Beziehern keine Meldungen mit unterschiedlichen Schreibweisen aufzutischen, verständigten sie sich auf eine einheitliche Auslegung der Regeln - und mussten nun als unfreiwilliger Praeceptor Germaniae den Medien die orthografische Richtung weisen. Dabei sehen sich die Nachrichtenagenturen höchst ungern ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gestellt. Viel lieber betrachten sie sich als unsichtbarer, unablässig durch den Tageslauf gleitender Transmissionsriemen zwischen den Ereignissen einer verwirrenden Realität und den nach verständlicher Information rufenden Medien. Herauskommen soll dabei - so lautet zumindest das Ideal - die stets aktuelle und zugleich möglichst objektive wie wahrheitsgetreue Nachricht. Tatsächlich gibt es wohl kaum eine andere Mediengattung, die im allgemeinen Bewusstsein so wenig verankert ist wie die Nachrichtenagenturen. "Haben Sie das nicht schon von dpa bekommen?" hören Redakteure anderer Agenturen immer wieder bei der Telefonrecherche in Pressestellen von Unternehmen oder Behörden. Und welcher Agenturjournalist leidet nicht insgeheim darunter, dass er Eltern oder Freunden noch nie so recht begreiflich machen konnte, worin eigentlich seine Tätigkeit besteht? Dabei hat die Arbeit der Nachrichtenagenturen durchaus eine allgemeine kritische Beachtung verdient. Vor 50 Jahren waren sie noch die Lieferanten von Informationsrohstoff, der vom Zeitungsredakteur oft erst zu einem abdruckfähigen Text veredelt werden musste. Heute setzen die meisten Zeitungen die Meldungen und Berichte aus dem Ticker von Kürzungen abgesehen weitgehend unverändert ins Blatt. In vielen kleineren Redaktionen gibt es oft gar nicht mehr die Zeit, um einen Agenturtext mit ergänzender Recherche anzureichern und zu überarbeiten. Entsprechend groß ist die Verantwortung der Agenturjournalisten für die von ihnen übermittelten Inhalte und für die von ihnen transportierte Sprache. Zudem hat vor gut zehn Jahren eine Entwicklung eingesetzt, die von den Agenturen nicht nur das Pflichtprogramm der aktuellen Grundversorgung mit Nachrichten verlangt, sondern auch die begleitende Kür in Form von Reportagen, Analysen und Hintergrundberichten als selbstverständlich voraussetzt. Entsprechend hoch ist der Arbeitsdruck geworden. Wenn bereits in den Ruhestand gegangene Kollegen von Samstagnachmittagen schwärmen, an denen in der Agenturredaktion noch eine Runde Skat gekloppt werden konnte, werden sie von der jetzigen Redakteursgeneration ungläubig bestaunt. Auch haben sich die Agenturen von den einstigen Textfabriken längst zu hochdifferenzierten Multimedia-Anbietern gemausert. Wurden bisher für die verschiedenen Mediengattungen auch Pressefotos, Infografiken, Audio-Beiträge und Nachrichtenfilme angeboten, so sind nun für den sich langsam ausbildenden Online-Markt Gesamtpakete aller Darstellungsformen gefragt. Internet-Angebote wie "The Wire" (http://wire.ap.org) von Associated Press (AP) in den USA demonstrieren, dass sich die Nachrichtenagenturen aufgrund der Kompetenz ihres weltumspannenden Korrespondentennetzes auch im globalen Computernetz behaupten können. Nicht nur das - aus den Terabytes von Informationsbruchstücken und Kommunikationsbeiträgen im Netz filtern die Agenturen die kleine Kilobyte-Teilmenge heraus, die für eine demokratische Öffentlichkeit relevant ist. Auch diese Leistungen der Selektion und des Agenda Setting (Themenauswahl) sind stets darauf abzuklopfen, ob hier tatsächlich der Anspruch einer umfassenden Unterrichtung eingelöst wird oder ob der Ausstoß der Nachrichtenagenturen nicht übermäßig von mächtigen Interessengruppen gesteuert wird. Denn es macht sehr viel weniger Arbeit, eine als Fax oder E- Mail eingetroffene und von PR- Agenturen bereits in die Form einer Meldung gekleidete Pressemitteilung zu bearbeiten, als bei einem Ereignis vor Ort dabei zu sein oder ihm hinterher zu telefonieren. Dabei tauchen auch hier die Agenturen in Gestalt der dpa-Tochter News Aktuell mit ihrem Originaltextservice (ots) als Spediteure solcher "Waschzettel" auf. In Deutschland ist die jüngste Weiterentwicklung der Agenturen vor allem von einer weltweit einmaligen und seit 1971 zunehmend verschärften Konkurrenzsituation vorangetrieben worden. Dies hat der Qualität der Agenturdienste nur gut getan, wie der Vergleich mit 30 oder 40 Jahre alten Agenturmeldungen zeigt. News-Lieferanten, die nicht mehr zuverlässig die Erwartungen und Wünsche ihrer Bezieher erfüllen, werden nach Ablauf der meist nur für die Dauer weniger Jahre eingegangenen Bezugsverträge gegen einen anderen Anbieter ausgetauscht. Diese Erfahrung musste zuletzt sogar die Deutsche Presse-Agentur (dpa) machen, die als Genossenschaft der deutschen Tageszeitungen 98,5 Prozent der Gesamtauflage erreicht. Dabei wurde an den Hamburger Marktführer auch die Forderung herangetragen, den Basisdienst nicht mehr zu einem von Auflage oder Reichweite bestimmten Pauschalpreis zu beziehen, sondern nach Anzahl der tatsächlich verwendeten Meldungen abrechnen zu können. Mit zunehmendem Kostendenken der Zeitungsverlage sehen sich auch die so genannten Zweitagenturen konfrontiert: AP mit einer Reichweite von 84,4 Prozent der täglich in Deutschland verkauften Zeitungsexemplare, Reuters (62,5 Prozent), Agence France Presse (AFP) mit einer Abdeckung von 42,1 Prozent und die inzwischen vom Fernsehsender Pro 7 übernommene Agentur Deutscher Depeschen Dienst/Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst (ddpADN) mit 35,1 Prozent. "Hier hat sich der Wettbewerb zwischen den Agenturen weiter verschärft", konstatiert Christian Resing, der im Anschluss an den im Januar verstorbenen langjährigen Agenturbeobachter Hansjoachim Höhne die Aufgabe übernommen hat, die sonst nicht veröffentlichten Daten für den Markt der Nachrichtenagenturen zusammenzutragen. Der einzelne Agenturjournalist kann es nicht ändern, dass die Nachricht zur Ware geworden ist. Aber er oder sie bestimmt tagaus tagein den Wert dieser Ware: ob es tatsächlich Nachrichten sind, die in die Satellitenschüsseln von Zeitungsverlagen, Rundfunkhäusern und Online-Redaktionen geschickt werden oder nur junk news. |






