| Haben wir noch Platz für das Ausland? |
| Dienstag, den 11. Juni 1996 um 19:28 Uhr |
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(Peter Zschunke, Beitrag für "Sage&Schreibe" 6/1996, überarbeitete Fassung) Mit großem Elan werden neue Konzepte für die Tageszeitung entwickelt. Service und Regionalisierung liegen im Trend. Kaum beachtet wird die Kehrseite: Es findet immer weniger Bericht- erstattung aus dem Ausland statt. Wer kann sich heute noch vorstellen, daß eine norddeutsche Regionalzeitung bei der Entscheidung für den Aufmacher so weit nach Süden geht wie 1984 das Flensburger Tageblatt? Damals ließ sich die Wahl von Mengistu zum Generalsekretär der Äthiopischen Arbeiterpartei noch als wichtigste Nachricht des Tages präsen-tieren. Zehn Jahre später sagte der stellvertretende Chefredak-teur des Tageblatts, Stephan Richter, bei einem Seminar der Hamburger Akademie für Publizistik: "Der Stellenwert der Aus-landsberichterstattung ist eine Platzfrage." Eine solche Äußerung wäre in den 70er Jahren vermutlich auf Protest gestoßen. Damals machten die Staaten der Dritten Welt die UNESCO zu einer Plattform für ihre Forderung nach einer neuen Weltinformationsordnung, nach einem "ausgewogenen Infor-mationsfluß" zwischen Nord und Süd. Heute ist ohne moralische Untertöne zu fragen: Gab es früher nicht vielleicht zu viel Auslandsberichterstattung? Ist nicht der heute geringere Umfang angemessen? Empirische Studien etwa der Arbeitsgruppe um den Mainzer Publizistikwissenschaftler Jürgen Wilke haben gezeigt, daß sich Meldungen aus den Industrieländern auch in der Presse der Dritten Welt in engen Grenzen halten; die Ergebnisse des deutschen Teils einer inter-nationalen vergleichenden Studie zur Auslandsberichterstattung in der Tagespresse erwartet Wilke für Anfang nächsten Jahres. Der Trend aber ist unverkennbar. Die stärkere Gewichtung von Inlandsthemen ist nicht auf Deutschland beschränkt, sondern auch in den USA zu beobachten - je größer das Land, desto kleiner der Platz für Auslandsthemen. Nähe kann somit als gewissermaßen anthropologischer Nachrich-tenwert gelten. Unabhängig vom Wohnort finden Informationen mit einem engen Bezug zur geographischen und gesellschaftlichen Um-gebung stets die größte Aufmerksamkeit. Nachrichten sollen schließlich einen Gebrauchswert haben. Ungeachtet dieser Gewichtung von Informationsbedürfnissen muß aber auch nach möglichen Nachteilen einer dauerhaften Unter-versorgung mit Auslandsnachrichten gefragt werden. Ausgerechnet in einer Zeit, die das Schlagwort der Globa-lisierung bis in die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten (1995) gebracht hat, geht der Trend in der aktuellen Bericht-erstattung in die andere Richtung. Vor der Stiftung des Dag-Hammarskjøld-Stipendiums sagte UN-Generalsekretär Butros Butros-Ghali Mitte September 1996 in New York, die Konzen-tration der Medien auf Inlandsereignisse werde dem Zusammen-wachsen der Welt in keiner Weise gerecht. Auch die Vereinten Nationen betrachten sich als ein Opfer dieser Entwicklung: "Wir sitzen hier vielleicht in der Medienhauptstadt der Welt, aber wir stehen in einem täglichen Kampf um sicherzustellen, daß unsere Botschaft gehört wird." Was von Butros-Ghali als paradoxe Entwicklung bezeichnet wird - Globalisierung auf der einen und ein nachlassendes Interesse an politischen Weltereignissen auf der anderen Seite -, kann aber auch als Kausalbeziehung betrachtet werden: Gerade weil mit der Diskussion über die Zukunft des "Standorts Deutschland" in einer Welt verschärfter internationaler Konkurrenz Ängste vor wirtschaftlichem und sozialem Abstieg genährt werden, sinkt die Bereitschaft, sich für das Fremde zu interessieren, sich auf soziale, ökologische oder politische Probleme anderer Länder einzulassen. Nur eine Gesellschaft, die sich ihrer eigenen Grundlagen sicher ist, bemüht sich um das Verständnis von Mit-menschen in ganz anderen Lebenszusammenhängen. Es ist daher nicht verwunderlich, daß der Knick in der Auslandsbe-richterstattung zeitlich mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten zusammenfällt. Die Redaktionen bleiben von dieser Entwicklung nicht unberührt. Auslandskorrespondenten der großen Fernsehsender klagen da-rüber, daß es in den Nachrichtenredaktionen daheim keine spe-ziellen Auslandsressorts gibt, die den Stellenwert der über-mittelten Berichte kompetent beurteilen könnten. "Das ist et-was, womit der Korrespondent natürlich ständig leben muß, mit dieser Unfähigkeit, Weltzusammenhänge zu sehen", sagte schon 1988 der Fernsehjournalist Ulrich Kienzle. Und die Auswirkungen auf die Inhalte kennt auch jeder Korres-pondent. Bei einer differenzierten Darstellung muß er damit rechnen, daß sein Text oder Filmbericht sehr viel stärker ge-kürzt wird als ein Bericht über Bonner Themen. Dies führt dann dazu, daß Ereignisse und Entwicklungen im Ausland möglichst marktschreierisch und plakativ präsentiert werden. Wenn in La-gos zwei Steine auf ein Polizeiauto geworfen werden, dann sind das gleich "Unruhen". In Berlin hingegen wird in einer ähnli-chen Situation von "Krawallen" gesprochen. Kriege, Krisen, Katastrophen sind natürlich weiterhin breaking news, die es in den Medien ganz nach vorn bringen. Sobald die unmittelbare Aktualität nachläßt, rutscht das Thema aber in ein tiefes Loch, bis es unvermittelt wieder an die Oberfläche drängt. Die fehlende Kontinuität der Berichterstattung nimmt der Öffentlichkeit die Chance, Hintergründe von Konflikten zu verstehen und damit auch die Fähigkeit zu begründeten Urteilen. Die Konsequenz ist entweder Ratlosigkeit - Hutu? Tutsi? – oder ein dualistisches Weltbild, das islamische Fundamentalisten, indische Hindu-Nationalisten oder albanische Flüchtlinge nur noch als Bedrohung empfinden kann. Nicht nur der Umfang der Berichterstattung, auch die Gewichtung von Auslandsthemen verändert sich. Umwelt-, Kultur- und Wissen-schaftsthemen schieben sich gegenüber politischen und sozialen Themen in den Vordergrund – mit diesem Ansatz wurde 1993 ein neues Konzept für das ZDF-Auslandsjournal eingeführt. Auslands-berichterstattung hat gute Chancen, wenn sie den Leser, Zuhörer oder Zuschauer bei seiner eigenen Wirklichkeit abholen und so eine Brücke in die Ferne schlagen kann. Dies gelingt auch vie-len Wirtschaftsthemen und natürlich dem sogenannten bunten Lesestoff besser als der Außenpolitik. Die Lust an der Exotik aber verstellt den Blick auf die Realität ebenso wie das CNN-Prinzip der Feuerwehr-Berichterstattung. Verändert haben sich schließlich auch die Gewohnheiten der Mediennutzung. Der halbseitige Artikel über die Lage der Men-schenrechte in Indonesien eignet sich nur im Urlaub zur Früh-stückslektüre. Für die abendlichen Mußestunden aber sind in den vergangenen zehn Jahren das Privatfernsehen und die Angebote der neuen elektronischen Medien hinzugekommen. Im persönlichen Medienverhalten ist es deswegen seit dem Ende des Kalten Krieges sehr viel einfacher möglich, Nachrichten aus dem Ausland auszufiltern. Eine derart sachkundige öffentliche Diskussion zur Außenpolitik wie zu Beginn der siebziger Jahre über die Ostverträge wäre heute kaum vorstellbar. Bei Entschei-dungen etwa zur Asylpolitik oder zur Frage von Bundeswehr-einsätzen im Ausland ist aber eine Öffentlichkeit gefragt, die ein sachgerechtes Urteil dazu abgeben kann. Hier besteht die Gefahr, daß die informierte Gesellschaft von der Informations-gesellschaft abgelöst wird. Nie zuvor gab es mehr Möglichkeiten, sich zu informieren. Nie war es aber so schwierig gewesen, sich in dieser Fülle noch zu-rechtzufinden. Damit Zeitungen und Rundfunk ihre Wegweiser-funktion erfüllen und auch zum Auslandsgeschehen eine Grundver-sorgung sicherstellen können, muß in den Redaktionen die Kom-petenz zur Beurteilung von internationalen Entwicklungen gesi-chert werden. Eine große Verantwortung liegt hier bei den internationalen Nachrichtenagenturen, die sich in ihrer Aus-landsberichterstattung nicht allein nach dem Abdruck der Mel-dungen richten können. Eine wichtige Ergänzung könnten Inter-net-Projekte zur Verstärkung der Berichterstattung aus der Dritten Welt darstellen. Um die optimale Selektionsleistung zu erbringen, Mitteilungen quellenkritisch zu bewerten und dem Publikum Auslandsereignisse verständlich und im Zusammenhang darstellen zu können, sind nicht weniger, sondern mehr Informationen notwendig. Wie sagte doch der Filmemacher Alexander Kluge? "Wenn im Jahr 2000 nicht wieder ein 1914 geschehen soll, wenn wir ein 1933 bereits 1922 erkennen und verhindern wollen, dann brauchen wir etwa das Tausendfache von dem an Nachrichten, was wir jetzt haben." |
